Die Recherchen für meinen Roman „Der Purpurhimmel“ haben mich dieses Mal nach Gibraltar im 18. Jahrhundert geführt. Besonders spannend war, dass sich der Zeitraum, in dem der Roman spielt aus Tagebüchern größtenteils sehr detailliert  darstellen ließ. Zudem gibt es mehrere Bücher und Berichte, die von Zeitzeugen geschrieben worden sind. All diese Dokumente fließen in die Fachliteratur ein, die dadurch sehr genaues Bild des Lebens in der Garnison zeichnet. Es war fast, als könnte ich auf dem Schiff stehen, mit dem Olivia Kilbourne anreist, und einen ersten Blick auf den Ort werfen, der für die nächsten Jahre ihr Zuhause wird. Und ich konnte sie begleiten, als sie hoch zum Europa Point gestiegen ist, wo sich der Blick über die Meerenge bietet.

An schönen Tagen kann man von Gibraltar aus die Küste Nordafrikas sehen, denn genau an diesem Punkt, wo die Südspitze der Iberischen Halbinsel in die Straße von Gibraltar ragt, liegen Europa und Afrika am dichtesten beieinander. Der Felsen von Gibraltar erhebt sich im Norden fast senkrecht, während der Osthang steil abfällt und nur eine spärliche Vegetation aufweist. Die Westseite hingegen fällt flach ab und ist in üppigem Grün bewachsen. Auf den ersten Blick scheint es, als sei dieser karge Ort nicht sonderlich bedeutsam, und doch sind um dieses Territorium seit Jahrhunderten Kriege und Streitigkeiten entbrannt, es wurden Verhandlungen deswegen geführt, es wurde erobert und belagert – Konflikte, die bis in die heutige Zeit hineinreichen. Denn Gibraltar ist, obwohl nur durch eine schmale Landenge von Spanien getrennt, seit 1713 ein britisches Überseeterritorium.

In dieses Gebiet reist Olivia Kilbourne zusammen mit ihrer Familie – aus der genussübersättigten Gesellschaft Londons hinaus in die Enge einer Militärgarnison. Gibraltar bildet eine Halbinsel, die eine Größe von ca. 6.800 km² hat und um den Fels herum größtenteils aus sandigem Gebiet besteht. Die Stadt selbst befindet sich auf der Westseite auf dem flachen Ausläufer des Kalksteinmassivs. Die Ostseite ist vergleichsweise gering besiedelt, dort befindet sich die Catalan Bay. Wie mochte es für Menschen gewesen sein, aus einer pulsierenden Metropole wie London in eine Stadt zu kommen, die sich nicht einmal selbst versorgen konnte? Während damals die Süßwasserversorgung durch eine Zisterne, die das Regenwasser auffing, gewährleistet wurde, war die Selbstversorgung durch Nahrungsmittel nahezu unmöglich.

Der Name Gibraltar stammt aus dem Arabischen, eine Abwandlung des ursprünglichen Namen Gabal Tariq – Berg des Tariq -, benannt nach Tariq ibn Ziyad, einem muslimischen Feldherrn, der  den Felsen 711 einnahm und von dort nach Spanien einmarschierte. 1502 bekam die Stadt ein Wappen, das sie bis heute führt, und auf dem eine rote Festung mit drei Türmen und Zinnen abgebildet ist, an deren Tor ein goldener Schlüssel hängt. Dieses Bild sollte daran erinnern, dass Gibraltar der Schlüssel zum Mittelmeer war. Der Wahlspruch lautet: Montis Insignia Calpe – Im Zeichen des Calpe-Bergs. In der Antike war Mons Calpe der Name Gibraltars gewesen. Historisch hat dieser karge Fels eine recht bewegte Geschichte hinter sich. Die erste Festung, das heutige Moorish Castle, wurde 1120 erbaut. Nach über sieben Jahrhunderten unter muslimischer Herrschaft fiel Gibraltar 1462 während der Reconquista zurück an Spanien, in dessen Besitz es bis 1704 blieb. 1704 eroberte England Gibraltar während des Spanischen Erbfolgekriegs und bekam das Territorium 1713 im Vertrag von Utrecht offiziell zugesprochen, eine britische Kronkolonie in Europa.

Gibraltar war zur Militärgarnison geworden, eine von der Art, in die sich kein britischer Soldat oder Offizier gerne versetzen ließ.  Sie galt als trister Ort, geprägt von lähmender Langeweile. Der stetige Drang nach Abwechslung ließ die Soldaten und Offiziere oftmals über die Stränge schlagen, was insbesondere bei den Soldaten hart geahndet wurde. Sieht man sich die Umstände an, unter denen die Menschen dort lebten, kann man sich kaum vorstellen, dass dies ein Ort von so strategischer Wichtigkeit war. Die Regeln wurden lax gehandhabt, der Dienst war verhasst, und eine militärische Karriere stand an einem solchen Ort nicht in Erwartung. Wurde ein Offizier dorthin versetzt, konnte es durchaus sein, dass seine Laufbahn in einer Sackgasse endete, was natürlich insbesondere für die jüngeren eine wenig reizvolle Aussicht war. Olivia Kilbournes Bruder Stanley ist ebenso wie ihr Vater Offizier, und dieses Mal schloss die Recherche auch das Leben in militärischen Kreisen ein. Offiziere gehörten der gehobenen Gesellschaft an, entstammten nicht selten dem Adel und bildeten auch in Gibraltar die Oberschicht.

Obwohl die Beziehungen zwischen Spanien und England zu der Zeit alles andere als entspannt waren, hatten die Offiziere die Möglichkeit gelegentlich über die Grenze zu reiten und Zerstreuung in Andalusien zu suchen. Mochte Gibraltar ein stetiger Zankapfel zwischen England und Spanien sein, so herrschte doch zwischen den Offiziersfamilien in der Garnison und jenen in den spanischen Stützpunkten ein recht reger sozialer Austausch, der sogar soweit ging, dass man sich gegenseitig einlud. Dies währte so lange, bis es 1779 zur vierzehnten Belagerung Gibraltars kam, und dieses Mal machte Spanien nicht den Fehler, die Garnison nur auf der Landseite zu belagern, sondern schloss sich mit Frankreich zusammen, das mit England ohnehin noch alte Rechnungen offen hatte, und stellte Gibraltar unter geschlossene Belagerung – eine Katastrophe für eine Stadt, deren Nahrungsmittelversorgung komplett abhängig war von außen. Es war die sogenannte Große Belagerung. Spannend war da bei der Recherche die Frage, wie Menschen in einer solchen Extremsituation reagieren, gerade Menschen, wie die Kilbournes, die einer Gesellschaftsschicht angehörten, die keine Entbehrungen kannte.