Einen Roman über Indien im 18. Jahrhundert zu schreiben, stellt insofern eine besondere Herausforderung dar, als dass es zunächst sehr schwierig ist, wirklich gute Literatur über diese Epoche zu finden. Dem Schreiben gingen also viele Stunden Stöbern in Online-Portalen der Uni-Bibliotheken voraus, gefolgt von zahlreichen Ausflügen in die Bibliotheken – zur großen Begeisterung meines Mannes, der mich begleiten durfte, um mir zu helfen, kiloweise Bücher nach Hause zu tragen.

Zunächst habe ich eine Recherchedatei angelegt, die für sich schon um die 60 Seiten betrug. Nicht jedes Buch, das ich ausgeliehen habe, war tauglich für die Recherche, vielmehr war es so, dass in vielen nicht mehr als ein kleiner Absatz oder auch nur ein oder zwei Sätze Nutzen für mich hatten. Für jede Ladung Bücher, die ich in die Bibliothek zurückgetragen habe, wurde beinahe noch einmal so viel wieder mit nach Hause genommen.

Mein Protagonist sollte unbedingt Arzt sein, und so war meine nächste große Anschaffung eine umfangreiche mehrbändige illustrierte Geschichte der Medizin. Eine solche Fundgrube sollte man sein eigen nennen, dachte ich mir, denn mit Medizingeschichte kommt man zwangsläufig immer wieder in Berührung, wenn man historische Romane schreibt. Mein nächster Schritt war also, mich mit dem Stand der Medizin auseinanderzusetzen, der gar nicht so überschaubar ist, wie man zunächst meinen sollte. Natürlich gibt es da die europäische Medizin, wobei man diese auch früher schon in einzelne Fachbereiche gegliedert und außerdem Ärzte und Chirurgen strikt getrennt hat – letztere waren nicht mehr als gewöhnliche Handwerker. Darüber hinaus sollte mein Held weltgewandt sein und über den Horizont der europäischen Heilkunde hinausgehen, was bedeutete, ich musste mich in die arabische/persische und indische Medizin einlesen. Zudem war strikt auseinander zu halten, wo die Tätigkeiten eines Arztes endeten und die eines Chirurgen anfingen, denn ein studierter Arzt würde niemals operative Tätigkeiten ausüben, so wie ein Chirurg keinen Zugang zur Wissenschaft hatte.

In Kleinigkeiten kann ich mich stunden- oder tagelang verbeißen. So war es äußerst schwierig, herauszubekommen, wann genau das Black Hole of Kalkutta gewesen ist – drei verschiedene Daten nannten mir meine Quellen. Dann ist es so, dass es über den Siebenjährigen Krieg zwar jede Menge Literatur gibt, aber diese bezieht sich meist auf Europa oder die Kolonialkriege in Amerika. Nachdem ich also den Verlauf der Auseinandersetzungen beschrieben habe, ging es an die kniffligen Details, und insbesondere die Rolle von Madras hat mich fast zum Verzweifeln gebracht, gingen die meisten Bücher doch darauf nur am Rande ein. Eines Nachmittags war ich in der Bibliothek, um ein Buch abzuholen, das ich bestellt hatte. Auf dem Weg nach draußen habe ich es beiläufig aufgeschlagen, ein wenig geblättert, und da sprang es mir ins Auge: Siege of Madras. So muss sich ein Schatzsucher fühlen, wenn er nach langem Suchen endlich die gesuchte Kiste voller Golddukaten heben kann.

Ein ebenso glücklicher Griff war eine mehrbändige Stadtgeschichte über Bombay, die einzig brauchbare Literatur, die detailliert auf die Stadt eingeht – und was für eine Stadt! Diese Stadt, in der ich meine Liebesgeschichte angesiedelt habe, in der die Heldin, der Held und beinahe alle Nebenfiguren ihrem Schicksal entgegengehen, wollte für mich einfach nicht greifbar werden. Natürlich gibt es Bücher über Bombay, aber meist allgemein über geschichtliche Hintergründe und das moderne Stadtbild. Ich jedoch brauchte eins, das auf Kleinigkeiten eingeht, auf die Stadt, wie sie im 18. Jahrhundert ausgesehen hat. Auf die mehrbändige Ausgabe der Stadtgeschichte Bombays bin ich gestoßen, als ich schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte, je etwas Brauchbares zu finden. Plötzlich bekam Bombay ein Gesicht. Gerüche, Farben und Hitze überfluteten die Stadt. Der Held stand auf einmal nicht mehr einfach nur am Strand, sondern im Schatten des ehemaligen portugiesischen Kastells an einem Hafen, der in seiner Form einzigartig war in Indien. Die Heldin legte nicht mehr nur den Weg durch die Stadt zurück, sondern wusste, wo welches Haus stand, kannte die historischen Gebäude und sah vom Kastell aus über die ganze Stadt.

Indien ist ein Land der Monsunstürme, und so wird auch das Leben in Bombay von den Monsunzeiten bestimmt. Man sollte beispielsweise nicht auf die Idee kommen, eine Gartenparty in Bombay in den Juni oder Juli zu legen, denn diese würde buchstäblich ins Wasser fallen, wohingegen man in Madras zu dieser Zeit durchaus trockenen Fußes von einem Ort zum anderen kommt. Um die Handlungen und Lebensbedingungen der Protagonisten realistisch darzustellen, ist es demnach notwendig, Klimadiagramme zur Hand zu haben.

Über die Monate des Recherchierens und Schreibens entstand ein gänzlich neues Bild von den britischen und französischen Kolonialmächten in Indien. Während die Briten im 19. Jahrhundert etabliert sind und sich das Land einverleibt haben auf dem Weg zur Großmacht, stehen sie im 18. Jahrhundert in Konkurrenz zu anderen Kolonialmächten. Dieses Indien ist nicht das Land, in das heiratswütige Mütter ihre sitzen gebliebenen Töchter schicken, sondern ein Land, in dem die europäischen Mächte lediglich geduldet werden und in das Männer reisen, weil sie auf das Abenteuer ihres Lebens hoffen.