Ootacamund, Nilgiri-Distrikt, März 1875
Vier Tage in einer Herberge, neben der sich das elendste Reiselager in den Bergen noch komfortabel ausnimmt, dachte Aidan Landor, während er auf dem Bett lag und die Hände hinter dem Kopf verschränkt an die Zimmerdecke starrte. Rotes Frühlicht tastete sich in den Raum, ließ Konturen hervortreten und Schatten entstehen. Erste Schritte tappten über den Flur und die Treppe hinab, während die Stadt langsam erwachte. In dem Zimmer neben ihm weinte eine Frau in leisen Schluchzern.
Zu viel Opium in der letzten Nacht. Ein weiterer Tag, an dem einem der Kopf schwamm und man in der Gewissheit trieb, dass sich nichts ändern würde. Während es im Zimmer langsam heller wurde, lauschte Aidan auf die Geräusche im Haus. Die Geschäftigkeit nahm zu, Türen wurden geöffnet und zugeschlagen. Die Frau hatte aufgehört zu weinen. Eine Absteige, in die jenes Volk angeschwemmt wurde, das Ootacamund aufsuchte und sich nicht einmal zur untersten Gesellschaftsschicht der Stadt zählen konnte. Unverputzte Wände, deren Schäbigkeit auch das rotgoldene Licht des Vorabends nicht hatte kaschieren können, waren im Tageslicht grau und wirkten pockennarbig. Der Raum war nur notdürftig gesäubert worden, und der Abort im Flur verbreitete auf der Treppe einen beinahe unerträglichen Gestank. Im Gegensatz zu den unglücklichen Gestalten, die hier landeten, konnte Aidan sich jederzeit etwas Besseres leisten. Wer nach Ootacamund kam, hatte die Möglichkeit, unter zwei Hotels zu wählen: dem Dawson’s Hotel, das an der Westseite der Stadt lag, wenn man diese über den Sigur-Pass betrat, und den Alexandra Chambers, ehemals Victoria – beides wäre Aidan um einiges lieber gewesen. Aber ein paar Tage würde er warten, sich in die Stadt eingliedern, unauffällig, so, wie er gekommen war. Wenn er sich ein Zimmer nahm, würde keiner wissen, wie lange er schon hier war. Brian würde dann bereits fort sein, Brian, sein bester Freund und Reisegefährte, der in eben diesem Moment den Kopf zur Tür hineinsteckte.
„Störe ich?“
Ohne Aidans Antwort abzuwarten, trat er ein, warf die Tür hinter sich ins Schloss und ließ sich auf den einzigen Stuhl im Raum fallen. „Du hast nicht geschlafen“, schlussfolgerte er, mit Blick auf Aidan, der vollständig bekleidet im Bett lag. Er nickte mit dem Kinn zur Wand hin und schloss mit der Frage: „Waren wir zu laut?“
„Nein.“
„Thackery war gestern Abend kurz hier. Er wollte zu dir.“
„Ich war aus.“
„Das habe ich bemerkt. Er stand nämlich plötzlich unangemeldet in meinem Zimmer und wollte wissen, wo du zu finden bist.“
Aidan hörte die unausgesprochene Frage, ging aber nicht darauf ein. „Was hast du ihm gesagt?“
„Er soll heute wiederkommen.“
Einen leisen Fluch ausstoßend sah Aidan wieder zur Decke.
„Was hätte ich sagen sollen?“ Brian streckte sich unbekümmert auf seinem Stuhl. „Ich werde übrigens doch schon heute weiterreisen.“
„Und sie?“ Aidan nickte zur Wand hin.
„Bleibt hier. Ich habe es ihr heute Morgen gesagt.“
„Wie immer zartfühlend, Brian, aus dem Bett einer Frau zu steigen und ihr zu sagen, dass es aus ist.“
Brian zuckte die Schultern.
„Ich dachte, sie sei ein anständiges Mädchen“, sagte Aidan.
„Sie hat ihr Elternhaus verlassen, um mit mir zu ziehen, obwohl sie mich kaum kannte“, antwortete Brian. „Nennst du das anständig?“
„Was wird jetzt aus ihr?“
„Ich habe ihr Geld gegeben, damit sie zu ihren Eltern zurückkehren kann.“
Aidan sagte nichts weiter dazu, die Rolle des Fürsprechers verlassener Frauen stand ihm nicht besonders. Er war von Anfang an dagegen gewesen, Gillian mitzunehmen, aber Brian war allein in Kalkutta gewesen, und als sie später wieder aufeinander getroffen waren, hatte er das Mädchen bei sich gehabt. „Wo geht es für dich hin?“, wechselte er das Thema.
„Offiziell zunächst über das West-Ghat bis zur Dekkan-Ebene.“ Brian zwinkerte. „Inoffiziell in Richtung Norden, Himalaja.“
Aidan setzte sich auf und fuhr sich mit einer Hand über die Augen, als müsste er den Schlaf daraus reiben. Seine Augen brannten, hatten die ganze Nacht schon gebrannt vom Rauch der Opium-Pfeifen. „Du weißt, ich denke daran, mich hier im Distrikt niederzulassen.“
„Immer noch die alte Idee von der Teeplantage? Mir war nicht bekannt, dass du neuerdings Reichtümer hortest“, spöttelte Brian.
„Ich habe einiges gespart, und den Rest bekomme ich auch noch irgendwie zusammen.“
„Denkst du, du wirst lange genug Ruhe haben?“
„Zumindest lange genug, um alles vorzubereiten und die richtigen Kontakte zu knüpfen.“
Brian stand auf und streckte sich. „Dann wünsche ich dir alles Gute“, verabschiedete er sich. „Und erzähl mir später, wie es war.“
„Bis wir uns wieder sehen, interessiert es dich vermutlich ohnehin nicht mehr“, spielte Aidan auf die lange Trennung und Brians immer nur kurz währendes Interesse an den Angelegenheiten anderer an.
Brian hielt an der Tür inne und drehte sich grinsend um. „Du als Teepflanzer, mein Freund, denkst du allen Ernstes, das würde ich mir entgehen lassen? Länger als zwei Monate hast du es doch nie an einem Ort ausgehalten.“
„Manchmal wird es Zeit, einige Dinge zu ändern.“

Bis in den späten Vormittag hinein blieb Aidan auf seinem Zimmer, lag auf dem Bett, fühlte die abgestandene Luft, die sich feucht in den Atemwegen festsetzte und die Haut mit einem Film überzog. Er hörte den lautstarken Streit aus Brians Zimmer, das Schlagen der Tür, Brians gemächlichen Schritt die Treppe hinunter. Im Zimmer nebenan ging etwas zu Bruch.
Irgendwann schlief er ein und erwachte eine Stunde später mit dem Gefühl am Körper klebender Kleidung, aber nichtsdestotrotz erholt. Nachdem er sich einen Kampf mit einer der Mägde gelieferte hatte – ein Mädchen mit den Ausmaßen einer Kriegsfregatte –, war ihm ein Bad bereitet worden. Später rasierte er sich, kleidete sich an und trat auf den schmutzigen Flur hinaus, in dem Bewusstsein, den ersten Schritt in ein neues Leben zu tun. Der Gedanke gefiel ihm und vertrieb die düstere Stimmung der letzten Tage.
„Aidan?“ Eine blonde junge Frau stand am Fuß der Treppe, an das Geländer gelehnt, so als warte sie schon länger. „Brauchst du Gesellschaft?“
„Nicht in der Art, die dir vorschwebt, Gilly.“
Gillian wurde brennend rot. „Brian ist fort.“ Sie folgte ihm, als er an ihr vorbeiging. „Und was ist nun mit mir?“
„Meines Wissens hat er dir Geld dagelassen.“
„Gerade genug, um wieder nach Kalkutta zu meinen Eltern zu gehen. Als ich mit Brian gegangen bin, hat mein Vater mir aber gesagt, ich dürfe nicht mehr heim kommen.“
Aidan nickte desinteressiert. „Du wirst doch gewusst haben, worauf du dich einlässt.“
„Brian hat gesagt, ich bedeute ihm etwas.“
„Aber natürlich hat er das gesagt. Oder hättest du sonst sein Bett geteilt?“
Ihr stieg erneut das Blut in die Wangen, und Aidan war etwas verwundert angesichts der Tatsache, dass sie nach all dem, was er von der Beziehung mitbekommen hatte, noch imstande war, zu erröten. Schließlich waren beide nicht gerade diskret gewesen.
Die Hauswirtin stand an der Tür zur Gaststube und starrte Gillian forschend an. Wo immer sie gerastet hatten, hatten sich Gillian und Brian als Geschwister ausgegeben. Zwar fehlte ihnen jede familiäre Ähnlichkeit, aber beide waren blond und hatten blaue Augen, so dass sich jeder, der ausreichend naiv oder willig war, ohne weiteres täuschen ließ. Dem Blick der Hauswirtin zufolge, argwöhnte diese nach Brians Abreise, dass da etwas nicht stimmte.
„He, Mädchen“, dröhnte ihre Stimme. „Hängste dich sofort an den nächsten?“ Ihr Blick fiel auf Aidan, etwas wohlwollender, ehe sie Gillian erneut ankeifte: „Nimm deine Sachen und verschwinde! Das hier ist ein anständiges Haus.“
„Mein … Mr. Casey hat für eine weitere Übernachtung im Voraus bezahlt“, antwortete Gillian und hob das Kinn.
„Für sich!“, widersprach die Wirtin. „Er ist fort, also kann ich das Zimmer neu vermieten.“ „Er hat das Zimmer für mich bezahlt“, beharrte Gillian.
„Davon, dass ich seine Hure hier weiter bewirten müsste, hat er nichts gesagt.“ Die Wirtin verschränkte die stämmigen Arme vor der Brust.
Aidan seufzte und drehte sich auf halbem Weg zur Tür um. „Mr. Casey hat das Zimmer für fünf Nächte bezahlt, für sich und für die junge Dame.“
„Das hab ich nur erlaubt, weil er gesagt hat, sie sei seine Schwester.“
„Das mag sein, aber Sie haben sein Geld angenommen, und nun wurde er vorzeitig abberufen. Die junge Dame wird sich einer Reisegesellschaft anschließen und zu ihrer Familie zurückkehren.“
„Ich dulde keine Dirnen in meinem Haus“, wiederholte die Wirtin störrisch.
„Mr. Casey hat die junge Dame bis morgen unter meine Obhut gestellt, und ich meinerseits dulde es nicht, dass sie allein die Nacht auf der Straße verbringt.“
Die Wirtin wollte widersprechen, blieb aber stumm, als Aidans Augen sich drohend verengten. „Nur noch bis morgen“, murmelte sie mürrisch.
Gillian lief Aidan nach, als er aus der Tür hinaus auf die staubige Straße trat. „Danke.“
Mit einem Schulterzucken tat er ihren Dank ab und sah sich um. Die gesamte Stadt schmiegte sich in bewaldete Bergsenken und Täler. Karren rumpelten die Straße entlang, ein junger britischer Soldat lehnte an einer Häuserwand und beobachtete das Treiben unter schweren Augenlidern hinweg. Tee-Handelskontore säumten die Straße, einheimische Diener eilten in die Gebäude hinein und wieder hinaus, verschiedene Dialekte mischten sich. Zwei weißgekleidete Inder traten in ein Handelskontor schräg gegenüber, während sie eifrig miteinander diskutierten. Eine Gruppe junger Sepoys ging die Straße entlang, unbewaffnet, denn das Gesetz untersagte die Herausgabe von Waffen an indische Soldaten, die der britischen Armee unterstanden. Zu deutlich standen allen noch die Gräuel des Sepoy-Aufstandes vor Augen, der erst nach viel Blutvergießen niedergeschlagen werden konnte, und 1858 zum Ende der East India Company geführt hatte.
„Ich kann trotzdem nicht nach Kalkutta zurück“, beharrte Gillian
„Das, meine Liebe, ist nicht mein Problem.“
Gegenüber der Herberge vor dem Kontor mit der Aufschrift Ramsay Tea hielt die schwarze Kutsche einer sichtlich wohlhabenden Familie. Der Kutschschlag wurde von einem weißgekleideten indischen Diener geöffnet, und ein Engländer stieg aus, der seinerseits einer Frau und einem kleinen Jungen von höchstens vier Jahren hinaus half. Der Mann war überaus korrekt gekleidet und trug einen Ausdruck blasierter Langeweile zur Schau. Der kleine Junge wurde von der Frau an die Hand genommen, als er im Begriff war, auf die Straße zu laufen, und ließ sich sichtlich widerwillig festhalten.
Neben Aidan stieß Gillian einen Laut aus, der sowohl verächtlich als auch neidisch klingen mochte. Vermutlich Neid, schloss er, angesichts der Tatsache, dass die junge Frau mit dem Kind genau das darstellte, was Gillian an Brians Seite hatte werden wollen. Diese Frau stand nicht in Gefahr, verlassen und der allgemeinen Verachtung preisgegeben zu werden, das würde ihre Familie nie zulassen. Aidan sah dem jungen Paar mit dem Kind nach, als es auf das Kontor zuging, und er konnte sich angesichts dieses so offen präsentierten Familienlebens ein spöttisches Lächeln nicht verkneifen.

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