Kalkutta, 1865

Alec kletterte mühsam aus den Tiefen seiner Bewusstlosigkeit, ein stetes Hämmern in seinem Kopf, das anschwoll, je näher er dem Erwachen kam. Ausgestreckt auf dem Bauch liegend, berührten seine Finger nichts als feuchten Stein. Wo war er?
Ein schmieriger Film überzog den Boden, es roch nach faulendem Stroh, und irgendwo, dicht an seinem Ohr, hörte er ein Trippeln und Quieken. Ratten, dachte er mit unterschwelligem Entsetzen. Weitere Laute füllten den Raum, wurden zu Stimmen, artikulierten sich zu Worten.
„Ich glaub’, der macht’s nicht lang.“
„So ’n junger Bursche!“
Jemand lachte, kurz darauf griffen Hände nach ihm, fuhren grob über seinen Körper und umfassten sein Gesicht, zerrten an ihm. Sie taten ihm weh, merkten sie das nicht? Ein kurzes Gerangel und die Hände zogen sich zurück, wüste Beschimpfungen folgten. Jemand stolperte über seine Beine, dann packten ihn Hände an den Schultern, und er wappnete sich für den kommenden Schmerz. Der nicht kam. Behutsam wurde er auf den Rücken gedreht. Alec blinzelte, wartete, ließ seinen Augen Zeit, aus dem Nebel Konturen zu lösen, verschwommen erst, dann körperlich.
„Na los, Bursche, steh auf, hier bei uns überlebste du nicht lang, wenn du dir nicht selbst helfen kannst.“
Alec bemühte sich, den Schmerz in seinem Kopf zu ignorieren, und versuchte aufzustehen, was ihm erst nach mehreren vergeblichen Versuchen gelang. Er taumelte, Halt suchend, ein paar Schritte, bevor seine Beine unter ihm wegknickten und er wieder am Boden kniete.
Seine Augen gewöhnten sich allmählich an die Dunkelheit, und er sah sich vorsichtig um. Feuchte, mit grünlichem Schimmel bedeckte Mauern, schmutziggraue Stoffbündel, aufgereiht an den Wänden, zerrissen, mit herausquellendem Stroh. Am entsetzlichsten erschien ihm jedoch der Anblick der Männer, die um ihn herumstanden und auf ihn herabsahen, mit bärtigen Gesichtern, in zerlumpter Kleidung und mit tief in ihre Höhlen eingesunkenen Augen.
„Wo bin ich hier?“, fragte er mit einer Stimme, die ihm selbst fremd war.
„Erst kurzes ungläubiges Schweigen, dann Gelächter, in das schließlich alle Umstehenden einstimmten. „Wo du hier bist? Dies ist der Vorhof zur Hölle“, rief einer.
„Vorhof?“, schrie eine heisere Stimme. „Das hier ist die Hölle.“
Ein älterer Mann hockte sich vor Alec, das Gesicht unter dem Bart kaum erkennbar.
„Der Vorhof zur Hölle“, setzte der Mann an, „liegt in einem Rattenloch von Kalkutta. Warst du bei der Verurteilung betrunken, oder bist du nicht ganz richtig im Kopf?“
Johlendes Gelächter folgte.
Verurteilung? Ein Schlag, daran erinnerte Alec sich, und dann Dunkelheit. Sein Verstand arbeitete sich durch die letzten Reste des Nebels in seinem noch immer schmerzenden Kopf, um die Bedeutung des Gesagten zu erfassen. Verurteilung? Ein Irrtum, sagte er sich schließlich, eine Verwechslung, die er aufklären würde. Sein Blick glitt erneut über die Mauern und blieb an einer massiven Holztür hängen. Er erhob sich aus seiner knienden Stellung, taumelte ein paar Schritte und schleppte sich zu ihr. Mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, schlug er mit der Faust dagegen und blieb dann an die Wand gelehnt stehen.
Die Männer betrachteten ihn neugierig. „Hey, Bursche! Was treibst du denn da? Glaubst du, wenn du klopfst, wird geöffnet und du spazierst hier so einfach raus?“
„Der alte Wiggins hat’s bestimmt nicht mal gehört.“
„Ich muss mit jemandem sprechen“, sagte Alec. „Das alles ist ein Missverständnis. Ich gehöre hier nicht her.“
„Er gehört hier nicht her“, rief ein Mann und lachte. „Bursche, wir gehören hier alle nicht her, oder denkst du, wir sitzen aus reinem Vergnügen hier?“
Alec ließ sich davon nicht beirren. Erneut schlug er mit der Faust gegen die Tür. „Aufmachen!“, rief er mit rauer Stimme. „Aufmachen, sage ich!“ Wieder musste er sich an die Wand lehnen, um nicht zu fallen. Der betäubende Schmerz in seinem Kopf hatte sich verstärkt, und ein Schwindel erfasste ihn. Als sich jedoch hinter der Tür immer noch nichts tat, wurde er ungeduldig. Er versuchte, seine Benommenheit abzuschütteln, und wartete kurz, bis er das Gefühl hatte, wieder sicherer auf den Beinen zu stehen.
„Macht die Tür auf! Aufmachen!“ Seine Faust schlug noch ein paar Mal gegen die Tür, dann hörte er endlich, wie sich jemand näherte, ein Schlüsselbund rasselte und die Tür quietschend, begleitet von Flüchen, geöffnet wurde. Ein dicker, unrasierter Mann, der fast genauso abstoßend roch wie die Gefangenen, stand vor Alec und funkelte ihn an.
„Was machst du denn für ’nen Lärm? Auch als Neuer haste dich an die Regeln zu halten. Essen gibt’s morgen früh, und sonst haste nichts zu verlangen, verstanden?“
Er war im Begriff, die Tür wieder zu schließen, doch Alec stemmte sich dazwischen. Der Mann holte mit seinem Knüppel aus und schlug ihn hart vor die Schulter.
„Pass bloß auf, du, für Aufmüpfigkeit gibt’s Strafverlängerung.“
Alec ignorierte mühsam den Schmerz in seiner Schulter. „Mr. … Sir. Das alles ist ein Irrtum. Ich bin nicht der, für den Sie mich halten.“
„Irrtum? Das sagen sie alle. Es gefällt keinem in der Obhut vom alten Wiggins. Was soll das denn heißen: ‚Ich bin nicht der, für den Sie mich halten’? Du bist doch Alec Delany?“
„Ja, aber …“
„Verurteilt wegen Diebstahl.“
„Nein, es muss eine Verwechslung vorliegen, vielleicht jemand, der denselben Namen trägt wie ich … Ich bin niedergeschlagen worden und dann hier wieder aufgewacht. Ich …“
„Willst du dich über mich lustig machen mit so ’ner schwachsinnigen Geschichte? Lord Ashington ist ’n hoher Herr und ’n angesehener Richter. Wenn er mir was bescheinigt, ist mir egal, was so’n Lumpenpack, wie du’s bist, sagt, Bursche. Und für deine Frechheit gibt’s Strafverlängerung. Wirst schon noch lernen, wer hier das Sagen hat!“
„Ich wollte nicht unverschämt sein, ich …“
„Zurück jetzt!“ Wiggins versetzte Alec einen Stoß, so dass dieser zurücktaumelte, und schlug die Tür zu. Der Schlüssel knirschte im Schloss.
Fassungslos starrte Alec auf die verschlossene Tür, dann drehte er sich langsam zu den Männern um, ratlos, Hilfe suchend.
„Hier kommst du nicht raus. Find dich besser damit ab! Das hier ist in den nächsten Jahren dein Zuhause“, sagte der ältere Mann, der Alec zuvor auf die Beine geholfen hatte.
„Das war dumm. Diese Schreierei. So was mag Wiggins nicht. Gibt mindestens zwei Jahre extra!“, ertönte eine weitere Stimme.
Jahre! Und niemand, der ihm zuhören wollte. In Alecs Augen flackerte allmählich Panik auf. Er setzte sich auf den kalten Steinboden und vergrub sein Gesicht in den Händen. Jemand kam näher und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Alec drehte den Kopf, als sich der Mann, der ihm zuvor geholfen hatte, neben ihm niederließ.
„Ich bin Thomas. Einfach nur Thomas. Einen Familiennamen hab ich nicht mehr. Würd’ meinen Leuten nur Schande machen, einer wie ich. Daran“, er machte eine ausschweifende Handbewegung, „gewöhnst du dich mit der Zeit.“
Einer der Männer kam in diesem Moment mit lüsternem Grinsen auf Alec zu, beugte sich zu ihm hinunter, griff nach seinem Kinn und hob sein Gesicht zu sich hoch. „Ein hübscher Junge bist du. Wird dir hier nicht langweilig werden.“
Die anderen lachten, und Alec schlug angewidert die Hand des Mannes weg. Der Mann griff erneut nach ihm und bekam sein Hemd zu fassen. „Wirst schon noch gefügig werden, Kleiner.“ Mit der anderen Hand versuchte er, Alecs Gesicht zu fassen zu bekommen, aber der alte Thomas schaltete sich ein: „Lass ihn in Ruh! Ist doch noch ganz durcheinander, der arme Kerl.“
Der Mann zögerte kurz, zog dann aber, auf Thomas’ drohenden Blick hin, fluchend seine Hand zurück, drehte sich um und ließ sich, vor sich hin schimpfend, in einer anderen Ecke des Raumes nieder.
„Bei denen musste aufpassen“, sagte Thomas zu Alec. „Bist der Jüngste hier, und viele von denen haben seit Jahren keine Frau mehr gesehen … Verstehst du?“
Alec erwiderte nichts, aber seine Augen weiteten sich vor Entsetzen.
Thomas zuckte die Schultern. „Mach nur nicht den Fehler, so zu kuschen wie der arme Johnny da. Der verkriecht sich die ganze Zeit in einer Ecke, weil er Angst hat vor dem, was sie mit ihm machen, wenn sie sich an ihn erinnern.“
Mit diesen Worten ließ Thomas ihn allein. Alec sah ihm nach und hätte ihn am liebsten zurückgerufen.

Während der folgenden Stunden sah er, wie die Männer auf einen der Mitgefangenen losgingen, einen schmächtigen Burschen, der sich unauffällig in die Ecke geduckt hatte. Er wandte das Gesicht ab, aber die gequälten Schmerzensschreie konnte er nicht ausblenden, auch nicht, als er sich die Fäuste auf die Ohren presste und die Stirn auf seine angezogenen Knie legte. In den siebzehn Jahren seines Lebens hatte er nie zuvor solche Angst gehabt. Er betete inständig darum, man möge ihn in Ruhe lassen.
Angestrengt behielt er von nun an die Männer im Auge und studierte den Raum. Dicke, blasse Maden bewegten sich träge im Stroh. Die Hitze staute sich, und die feuchte Luft mischte sich mit dem Gestank von Fäulnis und Exkrementen, so dass Alec beim Atmen das Gefühl bekam, ersticken zu müssen. Nur einmal schien ein schwacher Pfeffergeruch in der Luft zu hängen, gerade stark genug, um wahrgenommen zu werden. Es war, als ginge in diesem Moment ein Gewürzhändler am Fenster vorbei.
Durch ein kleines Fenster fiel ein Lichtstrahl, in dem Staubflocken tanzten. So gering dieses Licht war – es schenkte dem Raum kaum eine Andeutung von Helligkeit –, schöpfte Alec daraus dennoch zumindest ein kleines bisschen Zuversicht. Während sich sein Blick an dem schmalen Lichtstrahl festhielt, blitzte für einen Moment die Erinnerung an den Paria-Jungen auf, dem er Geld gegeben hatte, und an die verschleierte Frau, die seinen Weg unmittelbar danach gekreuzt hatte. Ob es Tage oder nur wenige Stunden her war, konnte er nicht sagen. Er war in eine schmale Gasse eingebogen, wohin ihn sein Botengang führte. Ein Sikh ging wenige Meter vor ihm, machte einen Moment lang den Eindruck, als hätte er sich verirrt und war dann in einem Hauseingang verschwunden. Alecs Amüsiertheit über diese Szene war das Letzte, woran er sich erinnern konnte.

Die Stunden vergingen. Das Licht, das durch das kleine Fenster sickerte, schwand allmählich und machte einer tiefen Dunkelheit Platz. Die Männer suchten sich einer nach dem anderen einen Strohsack, sie wurden ruhiger, und man hörte sie atmen, schnarchen und husten. Irgendwer schluchzte leise. Das Rascheln von Stroh war zu hören, und immer wieder glaubte Alec, der angestrengt in das Dunkel hineinlauschte, das Trippeln und Quieken der Ratten zu hören. Er kämpfte mit der Müdigkeit, zwang sich, wach zu bleiben. Er durfte hier keinesfalls
einschlafen. Irgendwann würde sein Vater sich Sorgen machen und anfangen, nach ihm zu suchen, dann klärte sich diese unselige Geschichte schon auf.
„Junge, bist du noch wach?“, unterbrach Thomas’ Stimme direkt neben ihm Alecs Gedanken. Erschrocken registrierte Alec, dass er nicht gehört hatte, wie dieser näher gekommen war. Jetzt setzte Thomas sich ihm gegenüber auf den Boden.
„Ich muss hier raus“, sagte Alec.
„Sprich leiser“, mahnte Thomas, „sonst weckst du sie noch auf.“
„Es stimmt nicht, dass ich verurteilt wurde“, fuhr Alec flüsternd fort. „Ich weiß nicht einmal, wer dieser Lord Ashington ist. Und abgesehen davon habe ich noch nie etwas gestohlen.“
„Lord Ashington ist ein großer Herr … und ’n gnadenloser Richter. Bist nicht der Erste hier, der die Ehre hatte. Wenn er dich ins Gefängnis schickt, kannste nichts dagegen tun.“
„Aber ich habe nicht …“
„Jetzt hör mir gut zu, Junge. Du bist nun mal hier, und hier kommst du so schnell nicht weg, nicht, wenn die da oben es so wollen.“
Alec spürte, dass Wut in ihm hochstieg. „Niemand, hörst du, niemand wird mich an diesem entsetzlichen Ort festhalten, obwohl ich nichts Unrechtes getan habe!“
„Sprich leise, habe ich gesagt. Wer sollte dir denn helfen? Bei uns ist nur der alte Wiggins, und der wird dir nicht zuhören.“ Thomas’ Stimme wurde noch eindringlicher. „Versuch, nicht zu viel Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen! Einen Tag lang kannste dich so aufführen, aber lass die anderen nicht immer spüren, dass du dich für etwas Besseres hältst. Das ist gefährlich. Und ich kann nicht immer auf deiner Seite sein. Jeder muss hier an sich denken.“
„Ich halte es in diesem Loch keinen weiteren Tag aus.“
„Bei Diebstahl kommst du ja wieder raus, vor allem, wenn’s der erste war. Du musst nur eins tun: lange genug überleben.“
„Ich muss gar nichts. Es wird sich alles aufklären. Spätestens morgen wird mein Vater da sein, und dann komme ich raus.“ Alecs Stimme war voller trotziger Zuversicht.

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