Als viktorianische Ära wird der Zeitabschnitt der Herrschaft Königin Viktorias bezeichnet, die von 1837 bis 1901 dauerte. Im nationalen Bewusstsein war die Epoche als eine Art goldenes Zeitalter verankert, dessen Niedergang im 20. Jahrhundert einsetzte. Geprägt wurde dieser Mythos durch das Bild der königlichen Familie, die Stabilität und Fortschritt verkörperte – das Idealbild ihrer Zeit, ein Mythos, der bis in die entlegensten Winkel des Empire dringt. Die Wirtschaft florierte, und England errang einen technischen Fortschritt, den es lange beibehielt. Die 1851 stattfindende Weltausstellung im Glaspalast galt als Symbol für die viktorianische Epoche. Parallel vollzog sich jedoch in den ärmeren Gebieten eine soziale und wirtschaftliche Verarmung, Irland litt von 1845-48 unter einer großen Hungersnot, und obwohl 1848 durch den Factory Act geregelt wurde, dass Kinder nicht mehr als 48 Stunden pro Woche arbeiten durften, schufteten kleine Jungs nach wie vor als Kaminkehrer. Vom zunehmenden Wohlstand profitierte vor allem die Mittelschicht.

Die Literatur erlebte im 19. Jahrhundert einen enormen Aufschwung. Das schriftstellerische Talent der Brontë-Schwestern trat zutage, Charles Dickens wies auf soziale Missstände hin, Robert Lewis Stevenson veröffentlichte Romane und Erzählungen, Elizabeth Gaskell prägte ihre Zeit mit Erzählungen, ebenso Sir Arthur Conan Doyle, dessen Sherlock-Holmes-Romane es zu großer Berühmtheit brachten. Oscar Wilde, William M. Thackery, Anthony Trollope erschienen auf der Bildfläche. Die Literatur wurde breit gefächert und reichte von einfachen Erzählungen bis hin zu unkonventionellen Romanen. Während die frühviktorianischen Werke noch einen Hang zum Realismus zeigten, auf soziale Zustände hinwiesen und diese wahrheitsgetreu zu schildern versuchten, tauchte in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts vermehrt die Tendenz zum Naturalismus auf.

Es gab eine Reihe von Möglichkeiten für die bessere Gesellschaft, ihrem Vergnügen nachzugehen. Man war interessiert an Theater, Kunst, Literatur, Musik und der Oper. Rund um Picadilly amüsierten sich die jungen Männer nachts. Man spielte Karten in Casinos, die es zu einer großen Popularität brachten, auch illegale Möglichkeiten des Spiels wurden gerne genutzt. Beliebt wurden auch Seancen, bei denen ein Medium Kontakt zu Geistern suchte, eine Begeisterung, die in der viktorianischen Ära ihren Höhepunkt erreichte.

Auch gesellschaftliche Umbrüche wurden deutlich. Die Bevölkerung verdoppelte sich, wobei gut zwei Drittel der Unterschicht angehörten, die unter meist beklagenswerten Bedingungen für ihren Lebensunterhalt arbeitete. Es wurden Gesetze erlassen, die Kinder- und Frauenarbeit regelten, Arbeiterbewegungen brandeten auf und wurden niedergeschlagen, bis es in den 80er Jahren zur Bildung einer Arbeiterpartei kam. Die Mittelschicht erstreckte sich vom Großunternehmer bis hin zum kleinen Ladenbesitzer. Vorbild vor allem für die gehobene Mittelschicht war der Adel mit seinen prachtvollen Landsitzen, seinem Reichtum und den vermeintlich makellosen Stammbäumen. Söhne der Mittelschicht wurden zu Gentlemen erzogen, Töchter zu Damen. Mit Fortschreiten des viktorianischen Zeitalters nahm jedoch der Einfluss des Adels ab und der der Mittelschicht zu. Es war sogar möglich, als erfolgreicher Unternehmer einen Adelstitel zu erlangen und ins Oberhaus aufgenommen zu werden.

Klar definiert war und blieb hingegen lange Zeit die Rolle der Frau. Rein musste sie sein, aufopfernd, hochmoralisch, die Zierde der Familie mit der einzigen Aufgabe, dem Ehemann viele Kinder zu schenken, davon möglichst viele Söhne. Die Erziehung oblag ihr, ebenso die Repräsentation des Hauses; bei Feiern und Soireen hatte sie lächelnd an Seite ihres Ehemannes zu erscheinen, nur über Themen zu sprechen, die als passend erachtet wurden. Das Recht auf Eigentum verlor sie in dem Moment, in dem sie heiratete. Erst 1857 wurde auf Druck von Frauenrechtlerinnen ein Gesetz verabschiedet, das die Möglichkeit einer Scheidung vereinfachte, wenn diese auch nach wie vor einen immensen gesellschaftlichen Makel auf die Frau warf. Ein weiteres Gesetz regelte 1870 das Recht auf Eigentum neu, wonach es der Frau eingeschränkt möglich war, Besitz zu erlangen. Erst in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts war es ihr jedoch möglich, Eigentum zu behalten, das sowohl vor als auch nach der Ehe in ihren Besitz kam.