Ootacamund im Nilgiri-Distrikt – das klingt zunächst einmal sehr fremd und exotisch. In der Tat handelt es sich um die schönste Hill Station des kolonialen britischen Empire in Indien des 19. Jahrhunderts. Bekannt ist diese bezaubernde Gegend vermutlich in erster Linie Indien-Kennern und Tee-Liebhabern, und so war es zu Beginn meiner Recherche entsprechend schwer, Literatur zu finden, die sich explizit mit den Nilgiri Hills, den blauen Bergen, beschäftigte.

Wieder einmal glich die Recherche einer Schatzsuche, denn gerade wenn über Gegenden wenig dokumentiert ist, so sind die Quellen, die man findet, umso wertvoller. Anfangs waren es Bücher aus der Seminar-Bibliothek, die sich mit dem Nilgiri-Distrikt allgemein befassten und einen Überblick darüber gaben, was diese Gegend ausmacht. Da sind zunächst die Gebirgsketten, die atemberaubend schöne Landschaft, die sich grün und üppig erstreckt, die Teegärten, von denen auch heute noch Tee bezogen wird, und das Klima, das im Sommer mild ist, während es im Winter auf den Gefrierpunkt sinken kann – und all das in Südindien. Die Nilgiris scheinen eine Welt für sich zu sein, einerseits indisch, andererseits jedoch ein kühler Zufluchtsort für die von der Hitze gebeutelten Engländer des Empire. Nicht umsonst wurde Ootacamund die „Perle der Hill Stations“ genannt.

Auf Bücher über Nilgiri und vor allem Ootacamund bin ich schließlich über Fernleihen der Uni-Bibliothek gestoßen. Es gibt wunderbare Reiseberichte aus dem 19. und 20. Jahrhundert, in denen die Stadt und die Gesellschaft sehr gut dargestellt sind. Eine weitere Quelle fand ich schließlich in einer ausführlichen Abhandlung über die Stadt, in der sogar alte Menükarten des Ootacamund-Clubs, der noch heute existiert, dargestellt wurden. Die Aufnahme in diesen alten Club ist übrigens auch heute immer noch nicht so ohne weiteres möglich, und so entscheidet ein Ausschuss im Gespräch mit dem Bewerber über die Aufnahme.

Tee – das war das nächste große Thema, mit dem ich mich befassen musste. Der Roman spielt auf einer Tee-Plantage, was eine akribische Auseinandersetzung mit diesem Genussmittel unumgänglich machte. Die Tee-Recherche stellte sich indes als nicht weniger spannend heraus als die Recherche in der Bibliothek. Kenner wissen um die ungeheure Vielfalt des Tees, und mir als erklärter Kaffee-Liebhaberin, erschloss sich eine völlig neue Welt. Die Engländer des 19. Jahrhunderts bevorzugten schwarzen Tee aus Indien, und so deckte auch ich mich mit Tees aus allen möglichen Anbaugebieten ein, um die verschiedenen Geschmacksrichtungen selbst erforschen zu können, und untersuchte sogar die Teeblatt-Aufgüsse auf ihre Unterschiede hin. Zugang zur Welt des Tees habe ich von höchst professioneller Seite bekommen. Thomas Holz von TeeGschwendner hat mir geduldig jede meiner Fragen beantwortet und mich einmal sogar in die Zentrale eingeladen, wo ich mir z.B. eine Teeverkostung ansehen konnte.

In diesem Roman bin ich dem Helden quer durch Indien gefolgt, und so vertraut mir die Epoche war, so neu waren die Orte, die ich oftmals in seiner Begleitung aufgesucht habe. Dieser Roman war für mich von den Gegenden und den Themen her sehr abwechslungsreich, und ebenso hat sich die Recherche gestaltet. Es galt, die Gegenden kennenzulernen und alles über die Tätigkeit meines Protagonisten zu erlernen. Entfernungen mit Hilfe alter Eisenbahnkarten nachzuverfolgen, Gebirgsrouten nachzumessen und zu rechnen, wie lange man im 19. Jahrhundert für bestimmte Strecken gebraucht hat, ist zeitraubend, macht aber wiederum Spaß, weil es so ist, als folge man den Reisenden von damals.

Bei meinem Roman „Der Duft von Sandelholz“ war es die Epoche, die so fremd war und ein Kolonialreich zeigte, das nicht so war, wie man es aus dem 19. Jahrhundert kennt. Doch auch dieses Mal, selbst innerhalb eines vertrauten Kolonialreiches, war es ein vollkommen anderes Indien als das, was ich bereits kannte.